Tradition: Sitten und Gebräuche

 

Aktivitäten am Jahresende:
Schon während eines Jahres beginnen die Junggesellen des Ortes mit den Vorbereitungen für die Silvesterzüge. Auf den regelmäßigen Sitzungen werden die Dorfereignisse zusammengetragen und stichpunktartig niedergeschrieben.
Anfang Dezember treten die Aktivitäten in eine heiße Phase, wenn es gilt, das "Salchendorfer Witz- und Intelligenzblatt" zu verfassen. Diese Aufgabe obliegt dem "Ältestenrat", der auch Vorstand genannt wird. Die Mitglieder in diesem Gremium werden berufen und nicht gewählt.
 
Am letzten Advent-Sonntag findet dann beim Horbes die Jahreshauptversammlung statt. Dort wird der Ablauf des Zuges besprochen und mit den Zugteilnehmern die Themenauswahl für die Wagen und Fußgruppen abgestimmt. Außerdem werden die Neumitglieder begrüßt. Gemäß einer alten Tradition kann man in der Wurstekommission mitmachen, wenn man "aus der Schule entlassen ist". Dies war früher nach 9 Jahren der Fall. Die Neumitglieder sind also ca. 15 - 16 Jahre alt.
 
Nach Weihnachten beginnt für die Gruppen, die die Wagen zusammenbauen eine harte Arbeit. In vielen Salchendorfer Häusern kann man dann das Schlagen der Hämmer hören.
Ein Dorfereignis auf einem Handwagen interessant zu gestalten, bedeutet aber auch viel Kopfarbeit. Der Zuschauer muss schließlich sofort sehen, welche Anekdote gemeint ist. Mitentscheidend für den Erfolg eines Wagens sind auch die ,,kernigen" und deftigen Sprüche an den Seiten des Gefährtes und eine passende Verkleidung der Akteure, die den Wagen im Zug begleiten.
Seit Alters her verzichtet die Wurstekommission auf motorgetriebene Themenwagen; eine Ausnahme bilden die Jubiläumszüge. Inspirationen und Ideen für die Ausstattung der Wagen kommen den Wurstekommissaren erfahrungsgemäß am ehesten, wenn mit einigen ,,Beschleunigern" in alkoholischer Form nachgeholfen wird.
Der Silvestermorgen ist dann von hektischer Betriebsamkeit geprägt. In aller Frühe wird das ,,Witz- und Intelligenzblatt" gedruckt und geheftet. Durch diese späte Fertigstellung hat noch so manches ,,Schmankerl" einen Ehrenplatz im ,,Wurschteblättche" gefunden, das sich erst in der Silvesterwoche zutrug.
 
Bereits gegen Mittag beginnen die Wurstesammler, die sich aus dem Kreis der Ältesten rekrutieren mit Ihrer Arbeit. Aufgeteilt in Bezirke gehen sie in Zweiergruppen von Haus zu Haus, und sammeln Wurst- und Geldspenden und verkaufen das ,,Witz- und Intelligenzblatt". In vielen Häusern ist es guter Brauch, die oftmals frierenden Wurstsammler mit einem guten ,,Marienborner" oder einem Cognac aufzuwärmen. Das führt natürlich in der Praxis dazu, dass im weiteren Verlauf des Nachmittages schon einmal Wurstesammler ,,ausgewechselt" werden mussten oder von einem solchen Hunger geplagt waren, dass Mettwürste von der ,,Stange" vertilgt wurden, die dann angeknabbert beim ,,Horbes" landeten.
Um 14.00 Uhr beginnt dann beim Wurstekommissionsdenkmal der eigentliche Silvesterzug, der seinen Höhepunkt an der Kreuzung Albert-Klenner- Straße / Schulstraße / Deuzer Weg hat, wo sich nicht selten mehrere hundert Zuschauer beim Glühwein über die derben Darstellungen auf den Wagen amüsieren. Dort wird auch das Wursteprogramm den Zuhörern vorgelesen und so mancher Kommentar kommt aus der Menge.

 
Der Zug, der durch fast alle Straßen des Ortes fährt, endet in der Dämmerung wieder in der Nähe des Wurstekommissionsdenkmals auf dem ehemaligen Dreschplatz, wo die Aufbauten dann auf einem großen Haufen verbrannt werden. Das symbolisiert die Abrechnung mit dem vergangenen Jahr.
 
Was geschehen ist, ist vergeben, vergessen und wird dem Feuer überantwortet.
 
Nach dem Jahresschlussamt in der Kirche beginnt der traditionelle Silvesterball beim Horbes. Früher wurde uns eine wohlschmeckende Erbsensuppe gereicht, die mit der gesammelten Wurst ,,gewürzt" war. Doch Veränderungen machen auch vor der Wurstekommission nicht halt, und so wurde aus der Suppe ein Buffet. Mittlerweile ist die holde Weiblichkeit schon während des Essens geduldet, die in vergangenen Zeiten erst ab 21.00 Uhr an der Feier teilnehmen durfte. Abgerundet wird der Abend nun durch ein selbsterstelltes Unterhaltungsprogramm.

Gegen 22.00 Uhr werden die jüngsten Mitglieder mit Kreide auf den Weg ins Dorf geschickt, allen Anwohnern die Neujahrsgrüße der Salchendorfer Burschenschaft ,,Prosit Neujahr 20.." auf die Türschwelle zu schreiben.
Kurz vor Mitternacht finden sich wieder alle Wurstekommissare auf der Dorfkreuzung ein, um das neue Jahr hochleben zu lassen, zu singen und dabei durch das Dorf zu ziehen.
 
Das seit Jahrzehnten überlieferte Lied zum Ansingen des Neuen Jahres lautet: "Ihr Ratten und Mäuse in diesem Haus, wir wünschen Euch, Euch wünschen wir, ein gesegnetes Neues Jahr, ein gesegnetes Neues Jahr." Anschließend wird bei Horbes bis in den frühen Morgen das Neue Jahr gefeiert.
 
Abschluss (und manchmal Höhepunkt) des Silvestertreibens ist der Frühschoppen am Neujahrsmorgen, wo die Wirtstube meistens aus allen Nähten platzt. Hier liest dann der Sprecher der Wurstekommission das ,,Witz- und Intelligenzblatt" noch einmal vor und würzt es mit Kommentaren. Oft sind die Betroffenen auch anwesend und werden gebührend begrüßt. Zur Stärkung der Anwesenden für den weiteren Frühschoppennachmittag bis -abend wird die am Vortag gesammelte Wurst von den Jüngsten Wurstekommissaren verteilt.
 
Anschließend ist es guter Brauch, dass die Musikkapelle einige Schunkellieder zum Besten gibt, bis der Frühschoppen ausklingt.

 

Der Jagdschein:
Einen anderen Brauch pflegt die Wurstekommission ebenfalls bis auf den heutigen Tag. Den Jagdschein muss jeder auswärtige junge Mann ,,lösen" der im hiesigen "Revier" mit einer jungen Frau verbandelt ist.
Selbstverständlich ist die Erteilung dieses begehrten Dokuments an eine Jagdgebühr geknüpft, die der ,,Jäger" an die Wurstekommission zu entrichten hat. Als Beweis erhält er eine Urkunde.
 
In früheren Jahren soll es schon vorgekommen sein, dass ,,Auswärtige", die die Zahlung dieser Gebühr verweigerten, am Ortseingang ,,begrüßt" und mit einer Tracht Prügel auf die hiesigen Sitten "hochnotpeinlich" hingewiesen wurden.

 

Winkhofsingen / Polterabend:
Einer der ältesten Bräuche im Siegerland (und nicht nur dort) ist das Winkofsingen. Es lohnt sich also eine kleine historische Betrachtung vorzunehmen, um die Ursprünge des "Winkof" etwas aufzuhellen.
 
Diese Zeugen galten als außergewöhnlich zuverlässig. Wahrscheinlich ist das Wort ,,Leumund" hiervon abgeleitet. Im ,,Nassauischen", wozu auch in Teilen das Siegerland gehörte, ist dieser Brauch schon 1342 aktenkundig geworden.
 
Später wurde mit ,,Winkof" im Netpherland und in den angrenzenden Gebieten die Bewirtung der Altersgenossen durch die Brautleute bezeichnet. Der Winkof fand in aller Regel am Abend des Tages statt, an dem die Eltern der Brautleute ihre Zustimmung zur Hochzeit gaben. Die jungen Burschen des Ortes knallten zu Ehren der Hochzeiter mit Peitschen. Das wurde ,,Blatzen" oder ,,Platzen", je nach Mundart genannt. In Helgersdorf ist diese schöne Tradition bis heute erhalten geblieben.
 
Nach dem anschließenden Gesang spendete das Brautpaar den Burschen ,,reichlichst Kümmel oder süßen Branntwein". Offenbar war der ,,Winkof" schon im 17. Jahrhundert mit einem zünftigen Fest verbunden, denn bei einer Visitation am 19.06.1608 in Ebersbach (heute Ewersbach/ Lahn-Dill-Kreis) wies die ,,Commission" der Grafen von Nassau-Catzenellenbogen den ortsansässigen Pfarrer an, den "Weinkauf" in seiner Pfarrei zu verbieten, weil sich die Hohen Herren offensichtlich von dem lustigen Treiben gestört fühlten.
 
Im Johannland hat sich die schöne Sitte des Winkof bis in unser Jahrhundert gehalten, bis sich nach 1965 immer mehr der ,,Polterabend" ausbreitete. Auch in Salchendorf schien die lange Tradition 1968 zu Ende, als beim letzten Winkof gerade noch sechs Sänger anwesend waren, und das Winkofsingen eingestellt wurde. Da die Polterabende in ihrem Ablauf immer mehr ausarteten, war die Verschrottung eines VW Käfers im Jahre 1977 das Signal, den Winkof zu neuem Leben zu erwecken. Unverzüglich beschloß der Kommissionsvorstand, die verschollenen Winkoflieder wieder auszugraben. Unter den damaligen Wurstekommissaren müssen einige ,,Brummbären" gewesen sein, denn bevor man sich an die althergebrachten Winkoflieder traute, wurden auf Beschluss der Vollversammlung Weihnachten 1977 mehrere Proben angesetzt. Der erste Winkof wurde dann bei Gewwels gesungen. Dankbar wurde das Winkofsingen von der Bevölkerung angenommen. Einen Höhepunkt gab es am 1. Mai 1981 bei Dommeses, wo mehr als 70 Sänger ein Ständchen brachten. Die anschließende Feier beim Horbes wurde bis in den frühen Morgen vom verstärkten Panikorchester umrahmt.
 
Obwohl diese Tradition, die über 600 Jahre alt ist, heute  in fast allen anderen Ortschaften des Netpherlandes leider ausgestorben ist,  erfreut sich der Winkof heutzutage in Salchendorf wieder großer Beliebtheit. So konnten und können wir in diesem Jahr vier Brautpaare mit dem Winkofsingen auf das bevorstehende Jawort einstimmen. Auch die auswärtigen Gäste des Brautpaares sind meistens vom Winkof und dem anschließenden Fest sehr begeistert.
 
 
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