Geschichte seit 1920 bis heute

 

Die Anfänge und Ursprünge:
Leider liegen die Anfänge des Treibens um die Neujahrstage in Salchendorf weitestgehend im Dunkeln. Sicher erscheint nur, dass es schon vor 1920 Aktivitäten in dieser Richtung gab.
 
Ursprünglich war es der heidnische Brauch, mit allerlei Lärm und Klamauk in der Neujahrsnacht die bösen Geister zu vertreiben, der sich in unsere (christliche) Zeit herübergerettet hat.
 
Mit allerlei Lärmgerät und sogar Pistolen (!) zogen schon im Fürstentum Hessennassau die Bürgersöhne auf die Straße, um das neue Jahr zu begrüßen. Der gestrenge Fürst belegte die Eltern gar mit Geldstrafen.
 
In der Folgezeit wird auch in anderen Teilen des Siegerlandes vom Brauchtum zum Jahresende berichtet. Beispiele sind die heute noch existierenden Bärenführer im Wittgensteiner Land und in Helberhausen (bei Hilchenbach), die einen als Bären verkleideten Kumpanen durch die Dörfer führen.
 
Anfang diesen Jahrhunderts müssen sich diese Traditionen auch im Johannland eingefunden haben. Jedenfalls gibt es Hinweise darauf, dass in fast jeder Johannländer Ortschaft dieses Brauchtum gepflegt wurde. Während in Irmgarteichen, Werthenbach und Hainchen die Burschenschaft schon am 27. Dezember eines Jahres den "Daach no Chresdaach" feierten, zogen in Helgersdorf und Salchendorf die unverheirateten Männer eines Ortes am Silvestertag durch die Straßen.
 
In Salchendorf kann man diese Aktivitäten bis Anfang der zwanziger Jahre zurückverfolgen, als die jungen Burschen in phantasievollen Verkleidungen von Haus zu Haus zogen und  Wurstspenden für die Silvesterfeier sammelten, die traditionell bei ,,Horbes" stattfand. Eine sehr alte Frau unseres Ortes (Richards Oma) konnte sich noch gut daran erinnern, 1923 oder 1924 als junges Mädchen beim Horbes die ,,Mäckesser" am Silvesterabend bedient zu haben.
 
Die ersten ,,Umzüge" in Salchendorf darf man sich als sogenannte "Mäckesser-Züge" vorstellen. Ein "Mäckes" ist im Siegerland ein Lump und Habenichts, der nicht gern arbeitete und mit einer gewissen Gerissenheit seinen Lebensunterhalt schon einmal durch kleine Gaunereien auf Kosten anderer bestritt.
 
Die Burschen des Ortes kleideten sich in der Anfangszeit wie diese ,,Mäckesser" in Lumpen und schwärzten Ihre Gesichter.
 
Eine Darstellung der Dorfereignisse in Form eines Zuges hat es wohl erst später gegeben. Das erste Wursteprogramm dürfte Ende der zwanziger Jahre geschrieben worden sein. Die Abhandlung von 1931 ist erhalten geblieben. Bemerkenswert ist die unkomplizierte Schärfe der Darstellung der Ereignisse. Bis weit In die fünfziger Jahre waren diese Abhandlungen Einzelstücke, die lediglich an markanten stellen der Öffentlichkeit vorgetragen wurden. Es ist offensichtlich, dass die Burschen mit der schriftlichen Zusammenfassung dörflicher Ereignisse die (seltene) Gelegenheit nutzen wollten, den Altvorderen den Spiegel vorzuhalten. Ziemlich wahrscheinlich ist auch, dass die ersten, handgeschriebenen Wursteprogramme mit den Aufbauten aus dem ,,Mäckesses- Zug" verbrannt wurden. Außer dem Exemplar von 1931 , das sich in Privatbesitz befindet, ist kein Programm aus der Vorkriegszeit erhalten geblieben.

 

Neubeginn nach dem 2. Weltkrieg: 

Im zweiten Weltkrieg musste, wie so vieles andere auch, der Salchendorfer Silvesterzug eingestellt werden. Man kann sich leicht vorstellen, dass den Bürgern der Sinn nicht unbedingt nach lustigen Umtrieben stand, als die ersten Todesnachrichten von gefallenen Soldaten eintrafen. Außerdem war das Gros der Junggesellen eingezogen und im Ausland an der Kriegsfront.
 
Der letzte Silvesterzug fand 1941 statt. In Erinnerung geblieben ist, dass dieser Zug von SA-Leuten kontrolliert wurde, die eigens herbeigeschafft worden waren. Ein Oberfeldwebel, der unmittelbar vor Beginn des Zuges auf Heimurlaub eingetroffen war und in Uniform teilnehmen wollte, musste die Kleidung wechseln. Dieser Wurstekommissar hat den SA-Leuten dann als "Ausscheller" (heute: Vorleser) die passende Antwort gegeben.
 
Der erste Silvesterzug nach dem Krieg fand 1946 statt und wurde im Stil so fortgesetzt, wie man 1941 aufgehört hatte. Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich, dass die Junggesellen in dieser wirtschaftlich katastrophalen Zeit noch Interesse an diesen Sachen hatten. So zog man in traditioneller "Mäckesser"-Montur mit geschwärzten Gesichtern durch den Ort und nahm die Honoratioren auf die Schippe.
 
Abend zur Erbsensuppe bekam jeder Teilnehmer ein Stück Fleisch und ein Stück Wurst. Das Besteck musste von zuhause mitgebracht werden. Der Abend wurde bis zum Neujahrsansingen mit Dünnbier und selbstgebranntem Schnaps verkürzt. Die Folgen des Krieges waren überall zu spüren.
 
Im Jahr darauf hatte sich die Lage etwas entspannt. Man saß zwar immer noch bei Dünnbier und Selbstgebranntem, konnte aber aufgrund einer besseren Einnahme die "Dosis" erhöhen und noch einen Mitternachtsimbiß reichen.
 
In diesem Jahr 1947 kam Streit auf in der Wurstekommission, der sich um die Teilnahme von Freundinnen und Bräuten am Silvesterball beim Horbes drehte. Im Laufe der Jahre wurde dann wahrscheinlich ein Kompromiss gefunden: Damen im Saal - ja, aber erst nach der Suppe!
 
Das Wursteprogramm befasste sich in jenen Jahren vorwiegend mit den Zeiterscheinungen, die der materielle Mangel mit sich brachte: Vor allem die Folgen der Hamsterfahrten und der damals blühende Schwarzhandel waren das Ziel des Spotts. Interessant ist, daß am Ende des Zuges in diesem Jahr der "Dorfmäckes" (ein älterer Junggeselle) an einen Lichtmast gebunden und symbolisch "standrechtlich erschossen" wurde. Vorher durfte der Delinquent aber noch einen tiefen Schluck aus der "Pulle" nehmen.
 
Ab 1948 wurden auch Wagen im Silvesterzug mitgeführt, um die "Verfehlungen" einiger Mitbürger noch besser darstellen zu können. Im Wursteprogramm steht mehr und mehr die Kritik an den Entscheidungen und Beschlüssen des Gemeinderates der damaligen Gemeinde Salchendorf im Mittelpunkt. Zu einer echten Konfrontation kam es 1949, als die Wurstekommission den Bau der Volkshalle forderte und eine Kleinausgabe im Zug mitführte. Obendrein wurden vor dem Haus des damaligen Bürgermeisters Winkel geschlagen und ein Schnurgerüst gespannt. Der war darüber so erbost, daß er der Wurstekommission mit einer Klage drohte. Die Bezeichnung "Wurstekommission" dürfte übrigens aus dieser Zeit stammen.
 
Besonderes Interesse am "Wurschteblättche" entwickelte in diesen Jahren der damalige Pastor, Erzpriester Albert Klenner. Nach der Hauptversammlung am zweiten Weihnachtstag pflegte er, die Ältesten mit einem guten Schluck gefügig zu machen und ließ sich die Hintergründe des Programmes erklären. Somit war er immer auf dem neuesten Informationsstand.
 
Am Silvester 1955 wurde die ganze Einnahme in Feuerwerkskörper umgesetzt, die dann um Mitternacht verschossen wurden. Die Einnahme betrug DM 60,--.
Über die fünfziger Jahre liegen nur wenige Informationen vor. Hier bleibt es zukünftigen Chroniken überlassen, weitere Einzelheiten zu veröffentlichen.

 

Die weitere Entwicklung:
Wie schon in den fünfziger Jahren war der Silvesterzug von wenigen Großgruppen und einigen Einzeldarstellern geprägt. Besonders die Einzeldarsteller Franz Schneider und Anton Steiner traten hier als wahre Kleinkünstler in den Vordergrund. So riß die kochlöffelschwingende Hausfrau auf dem Fahrrad (Franz) genauso zu Lachstürmen hin wie der geplagte Kleinviehbauer (Anton).
 
Da der Gemeinderat und auch der Gesangverein schon damals heftig auf Veröffentlichungen der Wurstekommission reagierten, waren sie jedes Jahr im Programm dabei. Politik und allgemeine Dorfthemen waren weitere Programmschwerpunkte.
 
Im Jahre 1964 traten erstmals Junggesellen der Musikkapelle im Silvesterzug auf, um den immer "dünner" gewordenen Gesang etwas zu unterstützen. Manchmal traten gegen Ende der Umzüge auch Mißtöne auf, da alle Akteure den Körnchen und ähnlichen "Schnellbindern" (Flasche getarnt im Saxophon!) zugesprochen hatten. Das Argument "Mir bruche Schnaps, dat de Schnutte net festfriert" erscheint recht zweifelhaft. Vor Schnapsattacken waren auch die Wurstesammler nicht sicher, die dabei nicht nur die Wurst, sondern häufig auch den Hintermann verloren.
 
Eine Auflockerung des Zuges in mehrere Kleingruppen war erst ab 1965 möglich, da die zahlenmäßig starken Jahrgänge 1949-50 "eingezogen" wurden. Leider war diese Zeit durch eine gewisse Lustlosigkeit der älteren Semester geprägt. Hätten in dieser schwierigen Epoche nicht einige wenige Aufrechte die Fahne hochgehalten, so wäre der Silvesterzug Geschichte geworden.
 
Besonders machte sich dieses Desinteresse beim Winkofsingen bemerkbar, wo die Teilnehmer immer jünger und weniger wurden. Da die Älteren sich Sonntagsabends einen guten Platz beim Jugendtanz im Horbes ergattern wollten, hatten sie natürlich keine Zeit für´s Winkofsingen. So wurde 1968 der letzte Winkof bei Stänersch von ca. 6 Sänger(-innen) dargeboten.
 
Schlagartig stellten von 1967 an viele der Älteren - obwohl noch nicht verheiratet - ihre Mitarbeit ein. Die Gestaltung der mittlerweile großen Züge (50 und mehr Teilnehmer) bestand zunehmend aus vielfältiger Organisationsarbeit. Dass die Wurstekommission schon damals zugereisten "Mäckessern" gegenüber aufgeschlossen war, zeigte sich darin, daß diese sofort an den Zügen teilnehme konnten. Auch wurden gelegentlich auswärtigen Fußballspielern des SV Germania die Teilnahme gestattet.
 
Durch das Abdanken der Älteren waren die damals 19- bis 22-jährigen "Grennhörner" gefordert, das 50-jährige Jubiläum zu einer würdigen Veranstaltung werden zu lassen. Alle Dorfvereine wurden aufgefordert, mitzumischen.
 
Da der Zugaufbau sowie die Programmqualität aus vorgenannten Gründen Ende der 60er stark gelitten hatte, wagte der junge Vorstand schon ab 1968 einen Blick über die Grenzen unseres schönen Örtchens, um sich inspirieren zu lassen. Dabei wurden die Züge in Irmgarteichen und Hainchen begutachtet und analysiert. Sogar der Zug in Rittershausen wurde unter die Lupe genommen. So wurde das 50-jährige Jubiläum trotzdem mit über 100 Teilnehmern ein überragender Erfolg.
 
Durch diesen Erfolg gestärkt, wurde in den folgenden Jahren das Programm vom Umfang her deutlich ausgeweitet. Erstmals wurde im Jahr 1970 die Spalte "Schlagzeilen" eingeführt. Der Programmpreis wurde im Jahr 1972 auf 1,-- DM angehoben und als Bonbon unser ältestes erhaltenes Programm von 1932 beigelegt.
 

Die Wurstekommission heute:
Da die Zahl der Zugteilnehmer in den vergangenen Jahren wieder gestiegen ist, garantieren bis zum heutigen Tag 50 bis 60 Wurstekommissare alljährlich einen Zug, der die Schandtaten der Dorfbewohner auf wohlwollende Weise und mit viel handwerklichem Geschick und schauspielerischer Leistung auf die Schippe nimmt. So konnte die Wurstekommission mit fünf Wagen und der Unterstützung des Panikorchesters wieder zahlreiche Highlights aus dem Dorfgeschehen darstellen.

Leider waren bei den traditionellen Silvesterbällen im scheidenden Jahrtausend immer weniger Besucher zu verzeichnen, was im Jahre 2000 seinen Höhepunkt fand. Selbst Maßnahmen wie die Abschaffung der traditionellen Erbsensuppe, um die Freundinnen und Bräute der Wurstekommissare von Anfang an in das Geschehen einzubinden, oder das Engagement von Livebands wollten nicht fruchten, so dass der Silvesterball trotz zahlreicher Besucher des Umzuges ernsthaft gefährdet war.
Ein völlig neues Konzept, bei dem die gesamte Dorfbevölkerung als Gäste des Silvesterballs im Mittelpunkt standen und ein reichhaltiges Buffet zum Selbstkostenpreis angeboten wurde, konnte den Wurstekommissaren wieder steigende Besucherzahlen bescheren. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch die Quizshow "Wer wird Bierionär" mit einem Wochenende in einem heißen Roadster der Fa. Steiner als Hauptgewinn und eine gelungene Karakoke-Show unserer beiden Wildecker Herzbuben. So haben 120 Dorfbewohner und Auswärtige jedes Alters das neue Jahr bis in die frühen Morgenstunden gebührend gefeiert.
 
Nach dem großen Erfolg der Umstrukturierung des Silvesterballs haben wir diese Idee beibehalten und feiern seit dem bei ausverkauftem Haus ins neue Jahr.

Wir freuen uns darauf, Euch auch dieses Jahr wieder genauso zahlreich zum Umzug und Silvesterball bei Horbes begrüßen zu dürfen!
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